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2017_theater

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Siecher Käfer wird zum Stachel im Fleisch der Familie

Groteske Verwandlung.  Das Klassenzimmertheater des Landestheater NÖ geht mit Kafkas „Die Verwandlung" nach drei Vorstellungen im hauseigenen Betrieb hinaus in die Schulen und führt das Stück in den Klassenräumen auf. In der ersten Adventwoche waren das Ein-Mann-Ensemble und eine Theaterpädagogin in den beiden Maturaklassen des Aufbaulehrgangs Wirtschaft Amstetten zu Gast.

Schauplatz war das Klassenzimmer des dritten Aufbaulehrganges im sogenannten Hexenhaus. Der Schauspieler brauchte nichts, nur eine Schulbank, die als Bett des in animalischer Verwandlung befindlichen Gregor Samsa diente. Es war erschütternd, skurril und urkomisch, was die Performance des jungen Schauspielers darbot: Kafkas Handelsreisender als ekelhafter Käfer in Vereinzelung, Ohnmacht, Entfremdung von sich selber und Angst in grotesken Szenen und in nüchterner Sprache. In käferartigen Verrenkungen auf einer Schulbank liegend spricht der Schauspieler den Anfangssatz aus der „Verwandlung", die Kafka 1912 schrieb:

„Als Gregor Samsa eines morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er  sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." So lapidar konstatiert er seine unheimliche Verwandlung. Gregor Samsa gerät über seine neue Existenzform zunächst kaum ins Staunen, halb unwillig möchte er sie als Einbildung abtun: „Wie wär es, wenn ich noch ein Weilchen weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße". Die „Verwandlung"  (Theaterfassung von Moritz Beichl) steigert sich ins Surreale. In einer Dauer von nur 50 Minuten (Schulstunde) vollzieht der junge Schauspieler Stanislaus Dick eine verblüffend organische Transformation. Alle sportiven Verrenkungen und gymnastischen Sätze, die dem Darsteller einiges an Körperbeherrschung abverlangen, brachten ihn nicht im Geringsten in Verlegenheit. Für die beiden Schulklassen und ihr Lehrpersonal war es in hohem Maße berührend, ja schockierend, so intensiv in die Welt der Verwandlung einzutauchen. Ohne auch nur eines der vielen Rätsel zu lösen, die den kafkaesken Kosmos der „Verwandlung" umgeben, können wir uns noch heute fragen, ob wir die Mahnung einer solchen Geschichte hören?

Robert Voglhuber

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